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Das Borderline-Syndrom

Das Borderline - Syndrom hat viele Facetten, was auch in dem Begriff "Syndrom" (Gruppe zusammengehöriger Symptome) zum Ausdruck kommt. Jeder Betroffene entwickelt entsprechend seiner Anlagen und der Einflüsse der Außenwelt eine spezifische Ausprägung dieser Störung.

 

Was ist eine Borderline - Störung?

 Unter Borderline - Störung ist eine frühe Störung der Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen; das heißt, die Wurzeln liegen in den allerersten Lebensjahren. Der Begriff "Borderline" lässt sich frei übersetzen als "Grenzgänger" oder "Grenzzustand". Auf merkwürdige Weise fühlen sich diese Menschen am Rande des Abgrunds wohler als am sicheren Ufer. Das drückt sich darin aus, dass Borderline - Gestörte Extremsituationen suchen und überhaupt  im extremen leben. Nach der Maxime " alles oder nichts" spalten sie die Welt in schwarz und weiß, in gut und böse. Zwischen beiden Polen ist kaum etwas vorhanden; denn Zwischentöne, die Farben, fehlen und damit auch die Fähigkeit, Mitmenschen realistisch wahrzunehmen. Da sie diese strikt in gute und böse aufteilen, kommen normale Menschen, die gute und  böse Anteile in sich tragen, in ihrer Wahrnehmung quasi nicht vor.

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Problem der Spaltung in extreme durch das Leben der Betroffenen. Es wirkt sich besonders in Beziehungen verheerend aus und gestaltet das Leben zu einem Chaos. "Ist jemand für mich oder gegen mich?"  - " wenn er für mich ist, ist er mein Ideal und ich werde alles für ihn tun; ist er gegen mich, werde ich ihn gnadenlos abwerten und mit allen nur denkbaren Mitteln bekämpfen." Dabei kann Idealisierung rasch und für das Gegenüber völlig unerwartet in Abwertung umschlagen, so dass in Beziehungen kaum Stabilität möglich ist. Therapie wird vor allem die Aufgabe haben, diese Spaltung zu bearbeiten.

 

 

Wie entsteht die Borderline - Störung?

 Den Beginn der Borderline - Störung müssen wir, wie schon gesagt, in der frühen Kindheit suchen. Für die seelische Zufriedenheit benötigt ein Säugling liebevolle Zuwendung, sowie Hautkontakt in Form von streicheln und Liebkosungen  - er will die Mutter fühlen, riechen und schmecken. Er sucht einen möglichst engen Kontakt zu ihr und fühlt sich in der ersten Zeit wie Eins mit ihr, in einer Symbiose, so der Fachausdruck für diese erste Bindung zwischen Mutter und Kind. In welchem Maße diese erste, enge Beziehung gelingt, ist grundlegend für die weitere Entwicklung des Kindes. Urvertrauen kann nur entwickeln, wer sich in den ersten Lebensjahren mit allen Fasern seiner Existenz geborgen und willkommen gefühlt hat.

Zunächst ist der Säugling nur in der Lage, zwischen den beiden Polen Lust und Unlust zu unterscheiden. Lust bereiten ihm in erster Linie saugen und zufriedene Sattheit, aber auch der körperliche Kontakt und das gestreichelt werden. Unlust empfindet er bei Hungergefühlen, Schmerzen und beim Gefühl, von der Mutter (oder einer anderen Bezugsperson) getrennt zu sein. Gesunde Säuglinge reagieren auf Mangelerlebnisse mit Wut, welche sich in lautem Schreien äußert.

Wenn das Kind größer geworden ist, versucht es, sich vorsichtig von der Mutter zu entfernen, die Symbiose mit ihr zu verlassen, um die Unabhängigkeit zu erproben. Stellt sich Angst ein, wird das Kleinkind rasch wieder die Nähe der Mutter suchen, denn es möchte sich ihrer Nähe versichern, Sicherheit auftanken, dann aber erneut auf Entdeckungsreise gehen, um seinen Lebensraum zu erweitern. Auf diese Weise lernt das gesunde Kind in den ersten Lebensjahren allmählich, selbstständiger zu werden.

Nach Meinung vieler Fachleute konnte die Mutter des späteren Borderline - Gestörten die notwendige stabile Symbiose nicht bieten. Dies kann verschiedene Ursachen haben: ist sie infolge eigener Schwierigkeiten, die sie überfordern, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, vermag die Mutter möglicherweise nicht, genügend auf ihr Kind einzugehen; oder sie erlebt das Kind als Störung, so dass sie es nicht vorbehaltlos lieben und annehmen kann; äußere Umstände - zum Beispiel Krankheit von Mutter oder Kind - können eine mehr oder weniger lange Trennung erzwingen; oft ist auch der Erziehungsstil chaotisch , und liebevolle Zuwendung wechselt mit Ablehnung, was starke Angst und Unsicherheit auslöst. In all diesen Fällen fühlt sich der Säugling verlassen. Und da er absolut von seiner Mutter anhängig ist, erlebt er dies als eine existentielle Bedrohung.

Wenn das Kind zur Bewältigung dieser Ängste keinerlei Unterstützung von anderer Seite bekommt, ist es gezwungen, alleine damit fertig zu werden. Hierfür steht ihm in der frühen Lebensphase lediglich eine einzige "Schutzmaßnahme" zur Verfügung: der Abwehrmechanismus der Spaltung. Das heißt, das kleine Kind spaltet seine Angst zumindest zeitweise ab, so dass sie nicht mehr spürbar ist. Es flüchtet in eine innere (Traum-) Welt und entfernt sich so von der Realität. Die Angst jedoch nicht wirklich verarbeitet, wirkt im Unbewussten weiter und drängt irgendwann mit explosiver Sprengkraft an die Oberfläche. Hier findet sich die Quelle für eine zerstörerische Energie, die Betroffene gegen sich selbst und andere richten.

Alle nun folgenden Entwicklungsphasen werden durch die frühe Störung beeinträchtigt und können nicht unbeschwert durchlaufen werden. Anstelle ruhiger innerer Sicherheit und Stabilität erfährt der Borderline - Gestörte ein inneres Chaos. Er bleibt an dem Schutzmechanismus hängen, der ihm als Kleinkind das Überleben sicherte, und lernt nicht, die Welt Beeinflussung wahrzunehmen. Er erlebt sie weiterhin in extremen und spaltet sie in "Nur - Gut" und "Nur - Böse".

Der Mangel an Zuneigung und Geborgenheit wie auch frühe seelische Verletzungen führen zu einer exzessiven Gier nach Sicherheit, Liebe und Akzeptanz. Zudem wirken diese Menschen häufig so, als wollten sie für die erlebten Demütigungen und Kränkungen Rache nehmen. Nur zu oft wird jedoch Rache am eigenen Körper und an der eigenen Person genommen.

 Woran ist eine Borderline - Störung zu erkennen?

 Menschen mit einer Borderline - Störung finden in sich selbst keine Sicherheit und Stabilität. Die Persönlichkeit scheint sich mitunter aufzulösen, sie fragmentiert. Ab und zu stellt sich Betroffenen die ganz grundlegende Frage: "Wer bin ich?" andere Personen werden zeitweilig als merkwürdig fremd und unwirklich empfunden. Auch die sexuelle Identität kann unsicher sein.

Typischerweise werden eine Fülle von Symptomen und Konflikten beobachtet, die häufig wechseln.

Folgende Symptome sind Hinweise auf eine mögliche Borderline -Störung, wobei nicht alle gleichzeitig vorhanden sein müssen:

 Â° panische Ängste, archaische Wut, Missstimmung, Lust am zerstören und ständig wechselnde Gefühlslagen kennzeichnen den Alltag. Das Leben ist wie ein Tanz auf einem Vulkan

° es droht der Durchbruch übermäßiger Wut, eventuell im Sinne eines Kontrollverlustes; auch andauernde Wut und Prügeleien gehören hierzu.

° exzessives und impulsives Verhalten prägen das Leben, zum Beispiel beim Geldausgeben und im Sexualverhalten; auch Suchtmittelmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressattacken oder umgekehrt exzessives Hungern gehören in diese Rubrik. Das Gewissen funktioniert nur beschränkt, Werte und Regeln werden häufig ignoriert. Betrug, Diebstahl, kriminelle Delikte sind auf diesem Hintergrund zu verstehen.

° Suiziddrohungen beziehungsweise -versuche, sowie Selbstverletzendes Verhalten sind häufig zu beobachten.

° Betroffene klagen oft über ein chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile.

° Alleinsein erscheint unerträglich und wird von Betroffenen mit allen möglichen Mitteln verhindert.

° Sehr häufig finden sich intensive, aber instabile (wackelige) zwischenmenschliche Beziehungen, die zwischen zwei Extremen pendeln: zwischen Überidealisierung (der Partner wird in den Himmel gehoben) und extremer Abwertung. Menschen mit Borderline - Störung werden in Beziehungen für fast ständige Unruhe sorgen. Diese Beziehungsprobleme haben tiefe Ursachen und spezifische Ausdrucksformen.

 

 

 Borderline - Störung und Beziehung

 Betroffene finden in sich eine tiefe Sehnsucht nach Verschmelzung, einen großen Liebeshunger. Dieser hat seine Wurzeln in der unbefriedigend verlaufenden frühkindlichen Beziehung zur Mutter, die die Symbiose nicht in ausreichender Weise ermöglichen konnte. Er führt zu einem typischem Verhaltensmuster in Beziehungen:

 Â° Borderline - Gestörte suchen den Mangel an Symbiose in der frühen Kindheit auszugleichen, indem sie intensive, extrem enge (symbiotische) Beziehungen anstreben. In diesen engen Beziehungen findet rasch eine Verschmelzung statt.

° Diese ist so tief und stark, dass sie bedrohlich wird. Es tritt eine große Angst auf, sich selbst zu verlieren, in absolute Abhängigkeit zu geraten, oder vernichtet zu werden. Dies erscheint unerträglich, so dass Distanz geschaffen werden muss.

° Das erfolgt durch eine "Umwertung": die gerade noch idealisierte Person wird jäh abgewertet. Der Blick richtet sich mit unerbittlicher Schärfe auf die negativen Eigenschaften des Gegenübers und die Kritik ist vernichtend. Mittels Streit und Entwertung wird also Distanz geschaffen und die Gefahr, sich in der Beziehung zu verlieren und ausgeliefert zu sein, scheint gebannt.

° Nun besteht aber das Risiko das die Beziehung verloren geht. Auch dies scheint unerträglich, und die Angst vor dem verlassen werden ist überwältigend. Um sich vor dem drohenden Verlust des Partners zu schützen, ist eine erneute Idealisierung erforderlich. Jetzt ist alles zu tun, um diesen zu beruhigen und sich seiner Zuneigung zu versichern. Aus dem gerade noch abgelehnten und entwerteten Partner ist wieder eine wunderbare und ideale Traumfigur geworden.

 

Die tiefe und frühe Störung der Persönlichkeit bewirkt ein sogar suchtartiges Verlangen nach Partnerschaft und Zuneigung. Alleinsein wird kaum ertragen, ebenso wenig aber große Nähe. Betroffene leben im Dilemma, weder in einer Beziehung noch ohne sie leben zu können. Die Beziehungen sind in einer Weise stabil, dass sie chaotisch instabil sind. Man nennt sie daher stabil-instabil; das einzige stabile daran ist die Instabilität. Nicht selten wechseln Menschen mit Borderline - Störung häufig die Partner.

Oft werden diese mit so genannten "Psychospielen" manipuliert.

 Zum Beispiel:

 Herr K.:

Er weiß, dass die Partnerin durch Erzeugung von Schuldgefühlen manipulierbar ist. So hält er sie in der ständigen Sorge, dass er Selbstmord begehen könnte. Seine Botschaft ist aber nicht konkret, sondern in Andeutungen oder Hinweisen versteckt. Die Partnerin fühlt sich für ihn verantwortlich, und die Beziehung wird auf diese Weise stabilisiert.

 Oder:

 Frau S.:

Sie betrügt ihren Partner immer mit wechselnden Beziehungen. Der Partner fühlt sich gekränkt ist aber aufgrund seiner sexuellen Abhängigkeit unfähig, die Beziehung zu beenden. Je länger er das verletzende Verhalten akzeptiert, umso abhängiger wird er sich fühlen. Umgekehrt  wird das Gefühl der Überlegenheit bei Frau S. sich verstärken. Obwohl sie im Grunde der Beziehung überdrüssig ist, verlässt sie ihn nicht, da sie sich einem eigenständigen Leben nicht in der Lage fühlt.

 

So wird nach belieben Nähe oder Distanz hergestellt. Mit Hilfe der Psychospiele werden andere berechenbar, das gibt eine Scheinsicherheit. Auf diese Weise ist es auch möglich, für ständige Ã¤ußere Unruhe zu sorgen. Damit lassen sich innere Unruhe und archaische Ängste überdecken, Leere und Einsamkeit kompensieren. Auch wenn der Partner mit Wut, Kampf und Zurückweisung auf diese Form der Manipulation und des Terrors reagiert, ist der Hauptzweck erreicht: er reagiert. Negative Zuwendung, das heißt Ablehnung, ist etwas sehr vertrautes und erscheint auf eigentümliche Weise sicherer als positive. Menschen, die am Borderline - Syndrom leiden, fühlen sich am Rande des Abgrundes immer sicherer als auf festem Untergrund.

Sie verspüren fast ständig inneren Groll, Zorn, Verdruss, Unzufriedenheit, Aggressionen, Hass oder Ã¤hnlich negative Gefühle, ohne das es hierfür eine aktuelle Ursache geben muss. Es sind unbewältigte Konflikte, die an die Oberfläche drängen und Verstimmung verursachen. Da diese Probleme nicht innerhalb der eigenen Persönlichkeit zu bewältigen sind, müssen sie auf andere projiziert  werden, an denen sie beharrlich bekämpft werden. Wie auf eine Leinwand projizieren die Menschen ihre inneren Konflikte in Beziehungen, nicht nur in den Partner, sondern auch in Mitarbeiter am Arbeitsplatz und allgemein auf Mitmenschen. Indem diese für das innere Chaos verantwortlich gemacht werden, versuchen Betroffene sich zu entlasten. Der Lösung ihrer Probleme kommen sie in dieser Weise jedoch keinen Schritt näher.

Borderline - Störung und Karriere

 Mit viel Energie, nicht selten in Form einer ausgeprägten Arbeitssucht, wird am erreichen bestimmter Ziele gearbeitet. Positionen werden erlangt, ein bestimmter Status oder finanzielle Werte werden mit größter Zähigkeit erarbeitet. Dabei ist immer wieder zu beobachten, dass diese auf exzessive Weise geschaffenen materiellen oder ideellen Werte in kürzester Zeit wieder zerstört werden müssen. Aufstieg und Abstieg vollziehen sich in rascher Folge.

 

 

 Borderline - Störung und Sucht

 Das innere Chaos, verbunden mit extremen Gefühlen wie Leere, Wut  und Hass, ist der Hintergrund eines nicht selten exzessiven Suchtmittelkonsums. Bevorzugt werden dämpfende Substanzen wie Alkohol, Beruhigungsmittel und Heroin eingesetzt. Präparate mit euphorisierender Wirkung wie LSD, Kokain, Amphetamin werden nur sporadisch eingenommen, denn diese können zu einem Zusammenbruch der ohnehin schwachen Ich - Grenzen führen und Horrortrips auslösen.

Borderline - Persönlichkeiten sind nicht selten abhängig  von so genannten nichtstoffgebundenen Süchten. Hierzu gehören Eß-, Magersucht und Bulimie  (zwanghaftes Essen und Erbrechen), aber auch Spielsucht, Sexsucht, Arbeitssucht usw. Eine Psychotherapie der Borderline - Störung, die das Suchtproblem unberücksichtigt lässt, ist zum Scheitern verurteilt, da die Sucht immer stärker ist. Erst wenn Abstinenz vom Suchtmittel erreicht und dadurch Krankheitseinsicht eine stabile Motivation gegeben ist, die Abstinenz beizubehalten, kann mit einer psychotherapeutischen Behandlung der Borderline -Störung begonnen werden.

Liegt ein Suchtverhalten vor, ist eine stationäre Entwöhnungsbehandlung der geeignete Beginn therapeutischer Maßnahmen.

 

 

 Zur Therapie der Borderline - Störung

 Die Therapie der Borderline - Störung ist immer schwierig und fordert besonders Psychotherapeuten mit wenig Therapie - Erfahrung nicht selten bis an die Grenze der Belastbarkeit. Je nach Schwere der Störung ist zunächst eine stationäre Therapie angemessen, damit eine ausreichende Stabilisierung erreicht werden kann. Diese ermöglicht das Arbeitsbündnis mit einem ambulanten Therapeuten. Es ist wichtig, dass Borderline -Patienten zu Beginn einer Therapie Ã¼ber ihre Störung ausführlich informiert werden. Die intensiven negativen Emotionen und das zerstörerische Verhalten der Symptome einer frühkindlichen Störung zu verstehen, wirkt entlastend und verbessert in der Regel die Motivation für eine Therapie.

Ziel der Therapie ist es, dem Patienten vom Chaos zur Struktur zu verhelfen. Die therapeutische Beziehung eignet sich besonders dazu, eine Borderline - Typische Beziehung zu erzeugen. So versuchen diese Patienten, mit Therapeuten eine symbiotische Beziehung herzustellen.

Sie werden zu Beginn der Behandlung den Therapeuten oft idealisieren und ihn zum Retter auserwählen. Dabei geht es ihnen vor allem darum, dass er sie vor einer "bösen" Welt schützt, und dieser Rolle hat er gerecht zu werden. Unterschwellig bleibt beim Patienten aber ein intensives Misstrauen erhalten. Wird es aus irgendeinem Grund aktiviert, kann die Idealisierung sehr schnell ins Gegenteil kippen. Die frühe pathologische Beziehung zur Mutter oder zu einer engen Bezugsperson wird unweigerlich wiederholt. Typisch ist, dass Borderline - Patienten den Therapeuten auf seine Verlässlichkeit testen und ihn in diesem Sinn auch provozieren. Mitunter ist ihr Verhalten nicht eindeutig, was zu Missverständnissen führen kann. Beschimpfungen, aggressive und ablehnende Verhaltensweisen können auch Ausdruck von Zuneigung sein. Einzig die unerschütterliche Haltung des Therapeuten, der darauf beharrt, dass die tiefen Wut- und Hassgefühle überwunden werden können, ist hilfreich. Dazu gehört auch, dass der Patient den Therapeuten als Mensch mit Schwächen erleben kann. Dadurch wird der Realitätsbezug verbessert. Das Ziel ist die Auflösung der Spaltung zwischen "nur gut" und "nur böse", indem Zwischentöne wahrgenommen werden. Insbesondere sind die immer auch vorhandenen positiven Seiten, die Fähigkeiten, die Stärken und Begabungen der Persönlichkeit zu würdigen und für den therapeutischen Prozess zu aktivieren. Allmählich lernt der Patient den Therapeuten als "normalen" Menschen kennen und schätzen.

 

 

Quelle:

Berit Anders

-Ich heiße Berit und habe eine Borderline Störung-

Protokoll einer Selbstfindung

Nachtrag von Heinz Peter Röhr 

ZUR LAGE DER BORDERLINE -SELBSTHILFEGRUPPEN IN DEUTSCHLAND

 

Sind auch Borderliner Experten in eigener Sache?

– Erste Anfänge einer Selbsthilfebewegung von Borderline - Betroffenen und ihren Angehörigen

von Andreas Knuf, Christiane Tilly und Fiona Behrend

 

In den letzten 10 Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum eine Trialog - und Selbsthilfebewegung im Psychiatriebereich entwickelt, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Diese Bewegung besteht zu einem sehr großen Teil aus psychoseerfahrenen Menschen, dementsprechend werden vornehmlich psychosespezifische Themen und Probleme, wie etwa der Umgang mit Medikamenten aufgegriffen. Betroffene mit anderen psychischen Schwierigkeiten haben teilweise deutlich andere Anliegen, möglicherweise haben sich viele von ihnen auch aus diesem Grunde in der gegenwärtigen Selbsthilfebewegung noch nicht engagiert. Nun gibt es erste Ansätze einer Selbsthilfebewegung bei Borderline-Betroffenen. Trotz Vorbehalten und Hürden schließen sie sich zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen, aber auch um sich Gehör zu verschaffen. Bei geschätzten 1,2 bis 2 Millionen Borderline-Betroffenen im deutschsprachigen Raum besteht ein massiver Bedarf an Selbsthilfeangeboten. Sind die Mauern der Isolation erst überwunden, haben wir mit Sicherheit eine ausgesprochen starke und lebendige Bewegung zu erwarten. Diese Bewegung braucht Unterstützung von professioneller Seite. Aber wollen sich Profis tatsächlich eine weitere Selbsthilfebewegung „antun“? Man hatte sich doch gerade so schön eingerichtet mit den Aktivitäten des BPE (Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen e.V.), den lokalen Psychoseseminaren, der Behandlungsvereinbarung usw.. Nun zeigt sich, dass diese Bemühungen in erster Linie auf die Gruppe der Psychoseerfahrenen ausgerichtet sind. Der Blick über den Tellerrand wirft die Frage auf, in welchem Ausmaß wichtige Interessen anderer Klientengruppen bisher vernachlässigt wurden.

 

Selbsthilfe

Bereits vor mehreren Jahren gründeten sich in Deutschland Borderline Anomymous Selbsthilfegruppen, die zumeist von bestimmten Kliniken ausgehend nach dem 12-Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker arbeiten. Derzeit gibt es etwa 10 solcher Gruppen. Die Anfänge der „frei organisierten“ Selbsthilfe von Borderline-Betroffenen hingegen war das Internet. Vor einigen Jahren entstanden erste große Internetportale. Am bekanntesten ist zunächst wohl die Borderline-Community geworden (www.borderline-community.de), die 1999 gegründet wurde und heute etwa 500 Aufrufe pro Tag verzeichnet. Neben dieser nach dem Vorbild amerikanischer Selbsthilfeseiten entstandenen Seite, wurden weitere Portale ins Leben gerufen, beispielsweise www.borderline-selbsthilfe.de. Über Chatforen und Mailinglisten lernten sich Betroffene zunächst nur via Computer kennen, einer Kontaktform, die Borderline-Betroffenen aus verschiedenen Gründen sehr entspricht, unter anderem weil sie „Nähe auf Distanz“ ermöglicht. Aber schon bald gab es das Bedürfnis nach realen Begegnungen und es kam zu ersten lokalen Treffen, aus denen einzelne Selbsthilfegruppen hervorgingen. Heute gibt es etwa 10 Selbsthilfegruppen u.a. in Berlin, Wuppertal und Freiburg. Diese Gruppen sind zumeist unabhängig voneinander zeitgleich entstanden, was das gegenwärtig hohe Bedürfnis nach solchen Gruppen verdeutlicht. Darüber hinaus sind uns mittlerweile zwei Angehörigen-Gruppen bekannt, die eng an die Selbsthilfegruppen für Betroffene angegliedert sind. Außerdem gibt es verschiedene „virtuelle“ Möglichkeiten des Austauschs für Angehörige im Internet (www.borderlineangehoerige.de und www.bpd-partner.de).

Die Erfahrung Borderline-Betroffener mit dem Aufbau von und der Arbeit in Selbsthilfegruppen hat gezeigt, dass die Betroffenen spezifische Strukturen und Absprachen brauchen, um „funktionierende“ Gruppen aufbauen und in ihnen sinnvolle Unterstützung finden zu können. So ist es im Gegensatz zu Selbsthilfegruppen für andere psychische Probleme bei Borderline empfehlenswert, besonders schwierige Lebenserfahrungen, die von den Betroffenen als traumatisch erlebt wurden, im gegenseitigen Gespräch auszuklammern. Selbsthilfegruppen sind nämlich nicht in der Lage, die entstehende Dynamik zu kontrollieren, außerdem kann die Schilderung traumatischer Erfahrungen zu „Triggern“ für andere Gruppenmitglieder werden. Borderline-Selbsthilfegruppen müssen sich daher klare Regeln schaffen, die vor allem auch dazu dienen, die Handlungsfähigkeit der Gruppe zu erhalten.

Dies betrifft beispielsweise Themen wie den Umgang mit Suizidäußerungen oder akuter Suizidalität.

Für einige Gruppen hat sich Unterstützung durch Fachleute als hilfreich erwiesen. Da Borderline - Betroffene deutlich weniger „Berührungsängste“ im Umgang mit Profis haben als etwa psychoseerfahrene Menschen, werden Fachleute von einigen Gruppen in regelmäßigen Abständen als fester „Coach“ hinzugebeten.

Von professioneller Seite finden Borderline-Selbsthilfegruppen derzeit erst ganz vereinzelt die nötige Unterstützung und Aufbauhilfe, von finanzieller Unterstützung ganz zu schweigen. So müssen sich die großen Borderline-Internetportale voll selbst finanzieren. Borderline-Selbsthilfegruppen gegenüber besteht vielerorts weiterhin das Vorurteil, die Betroffenen würden sich untereinander nur weiter in ihre Dynamik hineinsteigern, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem wird ähnlich wie bei Psychoseerfahrenen Menschen auch wieder die These vertreten, aufgrund der Krankheitsdynamik sei diese Betroffenengruppe nicht in der Lage, aktive und wirkungsvolle Selbsthilfe zu betreiben.

 

Interessenvertretung

Da der BPE in erster Linie eine Vereinigung psychoseerfahrener Menschen ist, fühlen sich Psychiatrieerfahrene mit anderen Erkrankungen dort in ihren spezifischen Belangen teilweise nur unzureichend vertreten oder gar nicht erst vom Verband angesprochen. Das führt dazu, dass eine Vielzahl Betroffener mit anderen psychischen Erkrankungen nicht dem BPE beitreten, aber gegenwärtig auch keine andere Interessenvertretungsorganisation für ihre Probleme und Anliegen finden. Ähnliches gilt für die Angehörigen-Selbsthilfe. Auch dort finden sich Borderline-Angehörige häufig nicht zurecht.

Anders als etwa bei Psychose-Angehörigengruppen, haben bei Borderline oft in erster Linie Lebenspartner oder Freunde und erst in zweiter Linie die Eltern das Bedürfnis, sich auszutauschen und zusammenzuschließen. Das zeigt sich beispielsweise auch in den Angehörigen-Mailinglisten, die von vielen Partnern abonniert werden. Bisher gibt es keine Bemühungen eines Zusammenschlusses von Borderline-Erfahrenen oder Angehörigen mit dem Ziel der Interessensvertretung.

Wie groß ist gegenwärtig das Interesse bereits bestehender Organisationen, Borderline-Betroffene und ihre Angehörigen zu integrieren? Eine Integration der Anliegen verschiedener Betroffenengruppen würde nicht nur die Möglichkeit für Borderline-Betroffene und ihre Angehörigen schaffen, sich einer Organisation anzuschließen, sondern könnte auch für bereits bestehende Organisationen, die einen relativ umfassenden Vertretungsanspruch haben (wie BapK oder BPE), bereichernd sein. Wenn die bisher bestehenden Organisationen ein Interesse daran haben, sich für diese Gruppen zu öffnen, werden sie teils neue Strukturen dafür entwickeln und für neue Anliegen offen sein müssen. Dafür wird innerhalb der gegenwärtigen Selbsthilfeorganisationen eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Problematik unumgänglich sein, die teilweise auch schon stattfindet.

Offen bleibt, welche Anliegen eine politische Selbsthilfevertretung Borderline-Betroffener Menschen vertreten würde. Da diese häufig nicht den Abstand, sondern die Nähe zur professionellen Seite suchen, wäre eine solche Bewegung möglicherweise sehr an Kooperation ausgerichtet.

 

Antistigma

Anders als etwa bei der Schizophrenie geht bei der Borderline-Erkrankung die Stigmatisierung vielfach von den Fachleuten aus. Aus Gefühlen von Hilflosigkeit oder fehlender Kompetenz entwickeln sich Abwertungsprozesse von Borderline-Klienten, die sich u.a. in der Fachsprache („maligne Regression“, „omnipotente Kontrolle“, „Manipulation“ usw.) aber auch in mehr oder weniger deutlicher Ablehnung der Betroffenen („Nicht schon wieder ein Borderliner!“) zeigen.

Auch den Angehörigen droht eine Stigmatisierung, ebenfalls wieder von professioneller Seite. So wird etwa von der Dialektisch-Behavioralen-Therapie (DBT) nach Marsha Linehan ein „invalidierendes“ Umfeld für die Entstehung der Erkrankung mit verantwortlich gemacht. Das Konzept erinnert in vielem an das Konzept der Expressed-Emotion der Psychoseforschung, mit dem Unterschied, dass das EE-Verhalten der Umgebung nicht für die Entstehung einer psychotischen Erkrankung verantwortlich gemacht wurde, sondern nur für das Wiederauftreten. Eine invalidierende Umgebung aber soll Borderline-Erkrankungen mit hervorrufen können. Sind wir damit schon auf dem Weg zur „borderlinenogenen Mutter“, die das Verhältnis zwischen Fachleuten, Betroffenen und Angehörigen vergiftet, wie einst über Jahrzehnte das Konzept der „schizophrenogenen Mutter“? Bei Borderline-Erkrankungen wird die „Schuldfrage“ dadurch verstärkt, dass viele Betroffene ja tatsächlich schwer wiegende Traumaerfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie erlebt haben, ein „Freispruch der Familie“ damit teilweise tatsächlich nicht möglich ist.

Um gesellschaftliche Stigmatisierungen bei psychotischen Erkrankungen zu überwinden, wird seit Jahren eine weltweit geplante Antistigmakampagne betrieben. Gleich wie man sie beurteilt, sie liefert der Bevölkerung Informationen und wird bei den Medien zu einer erhöhten Sensibilität für das Thema Psychosen führen. Borderline hingegen wird bisher von breiteren Gesellschaftskreisen noch gar nicht wahrgenommen. Das mag mit daran liegen, dass diese Erkrankung schwer zu fassen ist und die Betroffenen teilweise sehr stabil und leistungsfähig wirken. Da die gegenwärtige Antistigmakampagne fast ausschließlich über Psychosen aufklärt, besteht die Gefahr, dass das Stigma auf andere psychische Erkrankungen verlagert wird. In Zukunft würden dann nicht mehr die Psychosen, sondern andere psychische Erkrankungen stigmatisiert. Bei der Borderline-Erkrankung ist nach unserer Auffassung dieses Problem besonders gegeben. Aufmerksam auf diese mögliche Verlagerung wurden wir unter anderem durch ein Interview, das Frau Schröder-Köpf im Jahr 2001 dem NDR 4 gab.

Anlässlich einer von der CDU gestarteten Plakataktion, die Gerhard Schröder als Schwerverbrecher hinter Gittern zeigte, äußerte sie ihre Besorgnis, dass psychisch kranke Menschen, namentlich Borderliner, durch ein solches Plakat zu einem Attentat verleitet werden könnten. Weiter behauptete sie im Interview fälschlich, dass es sich auch bei der Attentäterin von Oskar Lafontaine um eine Borderline-Betroffene gehandelt habe. Das gefährliche an diesen Menschen sei, dass sie nach außen ganz normal und unauffällig wirkten. Wie viel Stigmatisierung braucht unsere Gesellschaft und wohin wird das Stigma in den nächsten Jahren wandern?

 

Potenziale nutzen

Erste Erfahrungen mit dialogischen Fortbildungen haben uns gezeigt, wie wichtig ein Erfahrungsaustausch zwischen Fachleuten und Betroffenen ist. So lässt sich ein neues Verständnis entwickeln und Fallen vermeiden, in die beide Gruppen ansonsten immer wieder geraten. Borderline zu verstehen, ist letztlich ohne einen Austausch mit den Betroffenen nicht möglich. Gegenseitige Verletzlichkeiten müssen ebenso benannt werden, wie Erwartungen und Grenzen. Da dies heute häufig nicht geschieht, tut sich die psychiatrische Behandlung mit Borderline-Klienten häufig sehr schwer.

Überhaupt fehlt es an Austausch zwischen Fachleuten und Borderline-Betroffenen, um gemeinsam gegenwärtige Missstände benennen zu können, die dazu führen, dass Betroffene keine optimale Behandlung erhalten und Fachleute ständig an der Grenze der Zumutbarkeit arbeiten müssen.

Erfreulicherweise gibt es bereits einige Veranstaltungen (beispielsweise 2. Herforder Psychiatrie-Tage, Gütersloher Fortbildungswoche) bei denen Betroffene zu Vorträgen eingeladen wurden. Mit wieviel Stigmatisierung und Isolation Borderline weiterhin verbunden ist, zeigt sich z.B. daran, dass gegenwärtig erst sehr wenige Betroffene und noch weniger Angehörige bereit sind, von ihren Erfahrungen zu berichten. Oft werden sie aber einfach noch nicht als Experten in eigener Sache wahrgenommen. Auf Borderline-Veranstaltungen werden deshalb teilweise Angehörige psychoseerfahrener Menschen als Referenten eingeladen.

Wir glauben, dass es auch bei Borderline und bei einigen anderen psychischen Erkrankungen einer Trialogbewegung bedürfte, um gegenseitige Vorurteile abzubauen und auch um an Behandlungskonzepten zu arbeiten, in die mehr als bisher die Erfahrung der Betroffenen und Angehörigen einfließen. Zu fordern sind beispielsweise dialogische Forschungsansätze, etwa zur Frage der Ursachen und Wirkungen von Stigmatisierungen durch professionell Tätige. Hier könnte man auch von den Erfahrungen von Borderline-Betroffenen profitieren, die in verschiedensten Berufen in psychiatrischen Einrichtungen tätig sind. Je länger wir uns mit diesem Thema beschäftigen, umso mehr Menschen mit „Doppelerfahrung“ lernen wir kennen, die ihr Wissen aus Angst vor Stigmatisierung bisher nicht für KollegInnen zugänglich machen. Die gegenwärtige Trialogbewegung ist sehr an den Anliegen psychoseerfahrener Menschen ausgerichtet und kann sich (noch?) nicht für einen trialogischen Ansatz bei verschiedensten Klientengruppen einsetzen. Wir brauchen deshalb u.a. so etwas wie „Borderline-Seminare“, wie auch immer sie dann gestaltet sind. In Berlin gibt es bereits erste Versuche, ein solches Seminar zu gründen.

Man darf gespannt sein!

 

AutorInnen:

Andreas Knuf ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut und hat im letzten Jahr das Buch „Leben auf der Grenze – Erfahrungen mit Borderline“ herausgegeben. Er ist in der Selbsthilfeförderung tätig und arbeitet für die Schweizer Stiftung Pro Mente Sana in Zürich. Gemeinsam mit Christiane Tilly bietet er dialogische Borderline-Fortbildungen an (Infos unter www.beratung-undfortbildung.de).

 

Christiane Tilly ist Ergotherapeutin, Studentin und Betroffene. Sie macht seit 5 Jahren Öffentlichkeitsarbeit und ist Mitautorin verschiedener Bücher, u.a. von „Leben auf der Grenze“.

 

Fiona Behrend ist Krankenschwester, derzeit in der beruflichen Umorientierung und Betroffene. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt in einer süddeutschen Universitätsstadt.

 


 

 

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